Testplanung Überdeckung A2: Interview mit Christine Kaufmann
Im vergangenen Herbst startete die Testplanung für die städtebauliche Aufwertung des Autobahn-Raums zwischen Tunnel Schlund und Sonnenberg. Nach sechs Monaten Arbeit gewähren die Teams jetzt Einblick in ihre Arbeit. Stadtpräsidentin Christine Kaufmann-Wolf ist nahe dran bei den Arbeiten.
Das Testplanungsverfahren steht in etwa bei der Halbzeit. Welches ist ihr Eindruck?
«Der Prozess ist enorm spannend. Drei interdisziplinär zusammengesetzte Bearbeitungsteams und Fachleute entwickeln Ideen, tauschen sich aus, wägen ab und entwickeln weiter. Diese Dynamik an Ideen und Optimierungen wird helfen, dass wir mit Argumenten die bestmögliche Lösung finden. Das positive Fortkommen und die konstruktive und ergebnisoffene Zusammenarbeit aller Partner im Rahmen der Testplanung freut uns sehr. Sie bringt Lösungsansätze auf dem ganzen Spektrum bis hin zur einer Überdeckung, was insbesondere von Seiten der Stadt Kriens ein grosses Anliegen ist. Immer ausgehend von der Zielsetzung gemäss ‘ganze oder teilweise Überdeckung’, wie wir das in der Absichtserklärung gemeinsam mit dem ASTRA, dem Kanton Luzern und LuzernPlus im Dezember 2021 formuliert hatten.»
Kriens hatte die Lösung ja an sich vorgegeben: Eine ganze Überdeckung der Autobahn zwischen dem Tunnel Schlund und dem Tunnel Sonnenberg.
«Das hatten wir als Vision formuliert, das stimmt. Mit dem städtebaulich visionären Bild des Autobahnparks. Die Vision hat den Horizont geöffnet, hat Bewegung in die Diskussion und uns letztlich an den Verhandlungstisch gebracht. Bund, Kanton und die Stadt Kriens reden jetzt miteinander auf Augenhöhe und entwickeln Ideen – die ‘Vision Chance Bypass’ hat ihren Zweck also voll erfüllt. »
Weiss man denn jetzt, wie diese Lösung aussehen könnte?
«Kern einer Testplanung ist es eben gerade nicht, nur EINE Lösung zu entwickeln. Die Projektpartner haben bewusst ein ergebnisoffenes Verfahren gewählt, denn die städtebauliche Integration der Autobahn kann mit unterschiedlichen Lösungsansätzen erfolgen. Ziel ist es, ein sehr breites Spektrum möglicher Ansätze zu entwickeln, jeweils mit Abwägung aller Vor- und Nachteile und einer ganz groben Grössenordnung der Kosten. Die Fachleute entwickeln damit ein breites Spektrum an Ansätzen. Am Schluss wird es Aufgabe der vier beteiligten Partner und letztlich der Politik sein, die beste, technisch machbare, finanzierbare und politisch mehrheitsfähige Lösung daraus abzuleiten.»
Braucht es denn diesen Aufwand, wenn die Stadt ohnehin weiss, was sie will: Zwei Wände links und rechts der Autobahn, einen Deckel drauf…
«Wie sehr es diesen Aufwand braucht, zeigt diese Testplanung. Die vertiefte Arbeit der Fachleute an Lösungsansätzen ist enorm wertvoll. Denn die Aufgabenstellung ist im Vergleich zu anderen Autobahnabschnitten hier hoch komplex. Versucht man es einfach zu erklären, kann man sagen, dass die Autobahn im ersten Stock aus dem Sonnenberg kommt, und dann beim Schlundtunnel im ersten Untergeschoss verschwindet. Die Frage ist nun: Wie gestaltet man den Autobahnraum auf dieser Strecke und auch mit diesem Niveauunterschied am besten. Und auch so, dass es letztlich bezahlbar ist.»
Zu welchem Ergebnis kam denn jetzt die Testplanung?
«Zuerst einmal stehen wir erst bei Halbzeit. Das ist in diesem Verfahren natürlich noch sehr früh und weit weg von einer belastbaren Lösung. Und dann ist es auch nicht Aufgabe der Testplanung, bereits Lösungen auf dem Tisch zu haben, sondern mögliche Ansätze. Der aktuelle Einblick in den Stand der Arbeiten zeigt, dass eine ganze Überdeckung mit einem 8 Meter hohen Betonriegel auch Nachteile bringen kann - oder neue Probleme schafft. Solche Aspekte gilt es dann in der Gesamtbeurteilung mitzuberücksichtigen. Daran wird jetzt weiter gearbeitet.»
Erfüllt denn ein Bearbeitungsteam, welches Ihnen weniger als eine ganze Überdeckung vorschlägt, den Auftrag?
«Das ist völlig klar: In der Testplanung geht es darum, ausgehend von der offenen Autobahn Ideen zu entwickeln, wie der Autobahnraum städtebaulich aufgewertet werden kann. Diese Suche wird ergebnisoffen angegangen. Die Teams denken dabei von der Stadt aus und leiten die Konsequenzen für die Autobahninfrastruktur ab. Was wir suchen ist eine gemeinsame Vision für diese städtebaulich schwierige Schnittstelle zwischen Stadt und Autobahn. Wichtig ist uns, dass heute bestehende Beeinträchtigungen der Wohngebiete durch die Autobahn in den nächsten Jahren aktiv angegangen werden können. Dazu gehört der Lärm, aber auch die fehlenden Querungsmöglichkeiten für das Quartierleben.»
Das tönt nach einem Kompromiss?
«Letztlich wird es wohl einen Kompromiss geben für alle. Denn es braucht alle vier Partner, damit wir unsere Ziele erreichen. Am Schluss werden die Partner gemeinsam einen Vorschlag machen, von dem sie überzeugt sind, dass er technisch, wirtschaftlich und städtebaulich nachhaltig und für alle Partner finanziell tragbar und damit auf allen Ebenen politisch mehrheitsfähig ist.»
Ist das nicht Wasser auf die Mühlen derer, die den Bypass ganz verhindern wollen?
«Das ist für uns kein Thema. Wir wollen nicht das Infrastrukturprojekt von Bund und Kanton verhindern. Die Stadt Kriens steht zu ihrer Rolle als Standortgemeinde der Autobahn. Wir sehen den entlastenden Wert des Bypass-Projektes für unsere Stadt sowie für den ganzen Kanton. Aber wir wollen versuchen, die negativen Auswirkungen auf unseren Lebensraum während und nach dem Bau auf ein Minimum zu begrenzen.»
Wie geht es jetzt weiter?
«Interessierten wird mit dem ‘Blick in die Werkstatt’ am Samstag, 4. März 2023 ein Einblick in die Arbeiten während der Testplanung ermöglicht. Die drei beauftragten interdisziplinären Teams stellten den Zwischenstand ihrer jeweiligen Arbeiten vor und gewähren einen Einblick in ihre Vorgehensweise, ihre Ideenentwicklung sowie in den aktuellen Stand der Lösungsansätze. Sie stellen sich den Fragen der Besucherinnen und Besucher und nehmen Anregungen entgegen. Die Teams werden anschliessend ihre Arbeiten fortsetzen. Mit den Ergebnissen der Testplanung ist Ende 2023 zu rechnen. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse auf politischer Ebene durch die Projektpartner gewürdigt. Das weitere Vorgehen wird gemeinsam festgelegt.»
Irgendwann beginnt ja dann wohl der Bypass-Bau. Sind da die Krienser Ideen nicht zu spät?
«Die Testplanung Überdeckung A2 Luzern-Süd wird als separates Projekt parallel geführt. Insofern wollen wir uns nicht treiben lassen, sondern uns für eine möglichst gute Lösung Zeit nehmen. Wann die Bauarbeiten für den Bypass beginnen, hängt vom Fortschritt des Plangenehmigungsverfahrens ab. Dieses läuft aktuell. Ein Zeitraum für die Realisierung des Grossprojektes ist von deren Ausgang abhängig. Fest steht deshalb aktuell eigentlich nur, dass ein Baubeginn nicht schon in den nächsten Monaten stattfinden wird. Im Plangenehmigungsverfahren ist die Stadt Kriens mit ihrer Einsprache eine von insgesamt fast 100 Einsprechenden.»
Könnte es denn sein, dass Kriens die gegen den Bypass-Bau deponierte Einsprache zurückzieht?
«Hinter der Testplanung steckt die Absicht, dass wir Fragen wie Lärm und Abgase, die wir in der Einsprache als Begründung aufgeführt haben, aktiv angehen. Insofern nehmen wir den Auftrag des Stadtparlamentes wahr und setzen uns konsequent und hartnäckig für eine Verbesserung ein. Insbesondere wollen wir dabei auch städtebauliche Fragen entlang der Autobahn klären.»
Anmeldung für den «Blick in die Werkstatt»: kriens.ch/werkstatt